Dørstokkmila er alltid lengst.

14.03.2026, 18:47 Uhr – Inmitten der Vorbereitungen auf das Erasmusabenteuer in Norwegen. Die Vorfreude so groß, dass man gar nicht abwarten möchte, kann. Eine Woche noch bis zum Erasmusinfoabend? In Gedanken habe ich doch schon längst gepackt, meine Daunenjacke mit dem Staubsauger vakuumiert, die Regenhose eingerollt, die Dämonen der Drohne ausgeräuchert, ihr und mir einen Segensspruch zum Schutz auf Reisen eingehaucht, 3 Länder durchquert und blicke gerade aus dem Fenster der Bergensbanen auf graue Felswände, verfolge jeden Riss im Gestein mit einer Hingabe, als führe er mich direkt zur Erkenntnis.

Noch ein Semester soll ich also in Heidelberg verleben, bevor ich endlich raus darf? Raus, raus in die Wildnis, hinein in den Regen, an die frische Luft, endlich. Als gäbe es das in Deutschland nicht.

Als Bewohnerin der Brückenstraße muss ich allerdings zugeben, in den letzten zweieinhalb Jahren ein besonderes Verhältnis zum morgendlichen und abendlichen Ritual des Lüftens entwickelt zu haben, die paar Handgriffe eher mit Feinstaubverzierung des Zimmerklimas gleichzusetzen, und gedanklich mein Gewissen stärker zu reinigen als die Atemluft. (Das zumindest formuliert jemand, der sehr einsam ist und seine freie Zeit damit füllt, zu fantasieren.) Die lieblichen Klänge des Stadtverkehrs im Hintergrund, erhoffe ich mir von meinem selbstgewählten Exil auch, zwischen den sieben Bergen Bergens etwas Ruhe in der Natur zu finden. Endlich das ersehnte Eremitendasein. Und dann auch noch mit Erlaubnis der Universität, finanzieller Förderung und einem Grund, den man vorschieben kann, wenn die Eigenmotivation hinterfragt wird! Nein, natürlich gehe ich da zum Studieren hin.

So wie ich auch nach Heidelberg marschierte, im Brustton der Überzeugung, als wäre mir das Anrecht, Medizin zu studieren, gemeinsam mit dem Stethoskop bereits in die Wiege gelegt worden. Um die Medizin scheine ich einfach nicht drumherum zu kommen in den nächsten Jahren. Als wäre das Leben singulär. Selbst schuld, du wolltest doch eine Aufgabe, Liesi. Wieder mal etwas überkorrigiert aus Versehen, wie bei so vielem. Aber der Ansatz, das Studium wahlwiese als Konfrontationstherapie meines inneren Hypochonders oder als soziales Experiment mit mir als Versuchsobjekt zu betrachten, funktioniert weiterhin zuverlässig. Nirgendwo sonst sind mir so besondere Gestalten begegnet, wie um 1 Uhr nachts zwischen den Regalen der Altstadtbibliothek und zur selben Uhrzeit im Keller der Unteren. Ich hege also keinen Zweifel daran, diese Fassade, das Schauspiel nicht weiterhin aufrecht erhalten zu können. Eine besondere Art des „Learning by doing“ – Meine persönliche Interpretation von „Fake it, ‚till you make it.“ Leider hat bisher niemand dieses Aktionsunstwerk hinreichend zu würdigen gewusst. Und da die Frage: Solltest du nicht besseres mit deiner freien Zeit anfangen? Im August habe ich darauf eine konkrete Antwort: Norwegen erkunden!

Doch zurück zu dem Ausruf: Endlich raus! Tatsächlich haben die Norweger ein ganz eigenes Verständnis des sogenannten „Friluftsliv“. Frei nach dem Motto „Ut på tur, aldri sur“, orientiert sich deren gesamtes Gesellschaftssystem an einem Leben mit und in der Natur. Es gibt Wandergemeinschaften, Skitreffs, Kletterkurse und Hütten im ganzen Land, teils zur öffentlichen Nutzung, wenn man mehrtägige Trips draußen unternimmt, mit verpflichtendem Zugang zu Trinkwasser in festgelegtem Umkreis. Natürlich gibt es auch in Deutschland Wandergemeinschaften und andere, doch gehört es in Norwegen zur Normalität, Zeit im Freien zu verbringen. (Wovon sie gemessen an der Bevölkerungsdichte auch sehr viel mehr haben, als hierzulande.) Dort kuckt niemand komisch, bis zu dem Moment, an dem du, nachdem nachmittags der Hammer gefallen ist, noch an deinem Schreibtisch anzutreffen bist, statt in den Wäldern oder am Fjord. Pass also auf, sonst wird dir, nur weil du mit ein paar Überstunden einen guten Eindruck hinterlassen wolltest, nachgesagt, dass der Familiensegen schiefhängt! Das möchte ich natürlich keinesfalls riskieren, sobald ich mich einmal in die Gefilde Vestlandets begeben habe.

Und was soll der Gedanke, dass dieses Vorhaben möglicherweise zu nicht mehr taugt, als einem guten Ziel, gefasst in den wonnigen Verirrungen unerwiderter Verliebtheit? Diese Angst gehört dem Teil von mir, der zu viel denkt und zu wenig lebt, er soll sie bitte für sich behalten. Wer weiß schon, was das nächste Jahr in petto hält? Ich freue mich so sehr auf das, was kommt, kann es kaum erwarten, endlich dem Schreibtisch, den Seiten, dem geschriebenen Wort zu entfliehen, neue Länder zu erkunden, fremden Sprachen zu lauschen, Menschen kennenzulernen, zu erleben, zu leben! Muss nur Acht geben, dass mich meine Tagträume nicht von dem abhalten, was vor mir (auf dem Schreibtisch) liegt, meine Gegenwart bestimmt. Irgendwann kehrt jeder Träumer einmal in seine Realität zurück. Und wenn nur dafür, Inspiration zu sammeln. Also auf zu den Ufern der Gesundheitsökonomie. Und dann endlich, nur noch das Sommersemester bestehen, auf zu den Ufern Norwegens!

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